Ein paar Gedanken zum Du und zum Sie

March 27th, 2018

Es ergab sich heute die Gelegenheit, ausgiebig über die zwischenmenschliche Distanz während der Anrede und den damit verbundenen Problemen nachzudenken. Da diese Unterhaltung zu einem kleinen Teil online auf facebook und dann gezwungener Maßen offline via Telefon fortgesetzt wurde, möchte ich sie hier posten. Damit unterliegt sie meinem Zugriff und kann nicht ohne weiteres gelöscht werden. Doch der Reihe nach; Was ist passiert?


Ursprung der Überlegungen

Meine gute Freundin die Biographin Irene Wahle stellte für sich fest, dass der facebook-messenger als Anrede alle Teilnehmer mit Du anredet. Daraufhin entspann sich eine kleine Diskussion in der Kommentarspalte über die Wertschätzung der persönlichen Anrede in verschiedenen Kulturkreisen. Ich kann das hier leider nur aus meinem Gedächtnis wiedergeben, da große Teile von einem Teilnehmer aus dem Netzwerk entfernt wurden. Er hat seine Antwort gelöscht, nehme ich an. Daraufhin waren auch unsere Antworten auf seine Antwort verschwunden. Ironischer Weise ging es genau um dieses Verhalten bzw. diese Einstellung gegenüber anderen Teilnehmern auf facebook.
Ohne die genauen Hintergründe zu kennen, empfinde ich dieses Verhalten als eher geringschätzend; Habe ich mir bei den Antworten doch Mühe gegeben und Zeit in sie investiert. Unter der Annahme, dass der Teilnehmer die Antwort absichtlich entfernte, zeigt sich in diesem eher respektlosen Verhalten genau das Problem mit facebook im speziellen und digitaler Kommunikation im Allgemeinen.
Ich bin kein Soziologe, daher kann ich das Thema nur laienhaft darstellen.

Jeder Mensch trägt erlernte Verhaltensweisen in sich, die dafür genutzt werden, emotionale Distanz zu anderen Menschen einzustellen. Wenn ich jemandem Fremden begegne, rede ich die Person mit Sie an und versuche wertschätzend und respektvoll allerdings in einer gewissen Distanz zu bleiben. Wenn wir dann wieder auseinander gehen oder irgendwas passiert, trennen wir uns auf der logischen Ebene und müssen keine Energie aufwenden, um eine emotionale Bindung zu trennen. Wir sind auf Distanz geblieben. Für mich ist ein wesentlicher Faktor der zur Distanz führt, die Anrede mit Sie. Vermutlich geht das vielen Menschen in Deutschland ebenso, da wir uns dieses Werkzeug zur Herstellung von Distanz teilen und das aus dem öffentlichen Leben auch so gewohnt sind.

Nun gibt es Plattformen, wie beispielsweise facebook, die aus einem anderen Kulturkreis stammen. In diesem Fall aus den Vereinigten Staaten von Amerika. Sie nutzen verständlicher Weise die gesellschaftlichen Codes ihres Kulturkreises. Ich kenne zu wenige Amerikaner, als dass ich sagen könnte, welche Mechanismen sie benutzen um auf Distanz zu bleiben. Jedenfalls gibt es bei Ihnen nur die persönliche Anrede you. Dazu ermuntert facebook auch an allen Ecken und Enden. Übertrage ich das aufs Deutsche nutzt die Plattform und damit Ihre Nutzer im Wesentlichen immer Du.
Wenn zu mir jedoch jemand Du sagt, ist diese Person mir emotional doch recht nah. Das hat verschiedene Auswirkungen, die sich darin zusammenfassen lassen, dass ich gleich emotional involviert bin. Ich vertraue schneller, ich ärgere mich schneller, ich fühle mich schneller wie ein Freund oder Feind des anderen, obwohl ich der Person überhaupt noch nie wirklich begegnet bin. Übertrage ich diese Gefühle unzulässiger Weise auf alle anderen Deutschen, kann ich mir gut erklären, woher diese Polarität im deutschen Internet stammt. Viele Nutzer haben einfach noch nicht gelernt, Distanz zu den anderen zu wahren, sie einfach tun zu lassen, und sind gleich emotional involviert und haben eine Meinung. Das stelle ich an mir auch häufig fest.
Begegnen sich zwei Fremde auf der Straße, von denen einer meinetwegen irgendwas eindeutig Rassistisches über Muslime brabbelt, gehen sie vermutlich einfach aneinander vorbei und nichts passiert. Die Distanz und das physische Unbekannte des anderen sorgen dafür, dass sie sich in Ruhe lassen.

Auf facebook wurde ein Teil dieser Distanz künstlich entfernt. Man sagt Du zueinander. Außerdem gibt es keine wahrnehmbaren Konsequenzen, wenn man seine Gedanken rauslässt. Die Gesprächspartner sitzen meist weit weg und sind noch dazu unbekannt. Das verleitet vermutlich den einen oder anderen zu Geringschätzung der anderen Teilnehmer. Vielleicht sogar unabsichtlich, weil nicht drüber nachgedacht wurde. Nun treffen aber wirklich viele Menschen auf facebook aufeinander. Aus dem einen oder anderen werden viele, die sich polarisieren und unabsichtlich emotional aneinander binden. Es gibt keinen gesellschaftlichen Code, den sie miteinander teilen und es wird emotional chaotisch. Die Extreme werden bedient.

Dass es auch anders geht, zeigt in meinen Augen die Plattform Xing. Hier habe ich bisher immer nur respektvollen Umgang erlebt. Nun könnte man meinen, das sei halt eine Seite nur für die Wirtschaft. Dem würde ich entgegenhalten, dass facebook durch seine Größe vermutlich wesentlich mehr Konversationen und Chancen im Wirtschaftlichen bietet als Xing. Was beide allerdings voneinander unterscheidet ist, dass Xing fast nur im deutschsprachigen Raum genutzt wird, die Teilnehmer also in ihrem gewohnten Kulturkreis mit den gewohnten Codes bleiben.
Ich vermute, dass der oben erwähnte Teilnehmer im Xing-Netzwerk seinen Post nicht gelöscht hätte, weil er mit einer anderen Einstellung uns gegenüber zu Gange gewesen wäre.

Na wer weiß schon. Ich jedenfalls vermute nur und danke dem mir unbekannten Teilnehmer und der Biographin Irene Wahle für diese schöne Reflektionsübung! :-)